Warum Care-Arbeit und Mental Load im Unternehmen echte Markenthemen sind?
- vor 3 Tagen
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Es gibt Themen, die man erst wirklich versteht, wenn man mittendrin steckt. Care-Arbeit und Mental Load gehören dazu. Ich habe in den vergangenen Monaten sehr viel Zeit mit meinen Kindern verbracht und dabei einen grossen Teil der Sorgearbeit übernommen — nicht als theoretisches Konzept, sondern ganz praktisch, jeden Tag. Und wenn man einmal wirklich drin steckt, merkt man ziemlich schnell, worin die eigentliche Belastung liegt. Es ist nicht die einzelne Aufgabe. Es ist dieses permanente Mitdenken. Dieses ständige Wissen darum, was als Nächstes kommen könnte, was nicht vergessen werden darf, was passiert, wenn man jetzt nichts tut. Genau das belegt im Kopf einen Raum, der dann für anderes fehlt — nicht weil man schwach wäre oder schlecht organisiert, sondern weil der Arbeitsspeicher irgendwann schlicht voll ist. Lange habe ich das als privates Familienthema betrachtet. Und natürlich ist es das auch — privat, unsichtbar, unbezahlt, selbstverständlich. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Diese Arbeit endet nicht an der Haustür. Sie setzt sich im Unternehmen fort — nur unter anderen Vorzeichen und häufig noch unsichtbarer.

Die unsichtbare Arbeit, die den Laden am Laufen hält
In vielen kleinen und mittleren Unternehmen gibt es eine seltsame Konstante. Da sind Aufgaben, die niemand offiziell verantwortet und die trotzdem gemacht werden müssen — weil der Laden sonst nicht läuft. Die Kaffeemaschine entkalkt sich nicht von selbst. Termine koordinieren sich nicht automatisch. Spannungen im Team lösen sich nicht einfach auf. Und die Frage, ob das Meeting nächste Woche eine vernünftige Struktur hat, wer die richtigen Menschen einlädt und wer dafür sorgt, dass die Vorbereitung nicht ins Leere läuft — diese Frage bleibt meistens offen, bis sie irgendwo hängenbleibt. Bei jemandem, der »eh so organisiert ist«. Bei jemandem, der »immer mitdenkt«. Bei jemandem, der merkt, was noch gebraucht wird, bevor es zum Problem wird. Die »gute Seele des Unternehmens«.
Doch das ist nichts anderes als Care-Arbeit im Unternehmen. Und was parallel dazu entsteht, ist Mental Load — das permanente Vorausdenken, das Erinnern, das Koordinieren im Kopf. All die offenen Schleifen, die nie wirklich abgeschlossen sind, sondern einfach weitergetragen werden. Meistens von denselben Menschen. Meistens ohne dass es jemand als Arbeit benennt.
Warum sich so vieles schwerer anfühlt, als es sein müsste
Viele Unternehmen suchen die Ursache für Überlastung an den falschen Stellen. Zu viele Projekte, zu wenig Zeit, zu wenig Struktur. Das spielt alles eine Rolle. Aber oft ist es nicht der Kern. Der eigentliche Stress entsteht dort, wo Verantwortung unklar ist und unsichtbare Arbeit nicht gesehen wird. Wenn Menschen nicht nur ihre eigentliche Aufgabe erledigen, sondern zusätzlich permanent Dinge im Kopf halten müssen, die niemand offiziell verantwortet, dann entsteht eine Dauerbelastung, die sich kaum greifen lässt.
Es fühlt sich an wie zu viel Arbeit. In Wahrheit ist es oft ungeklärte Verantwortung.
Und genau hier liegt einer der grössten Denkfehler in vielen KMU: Man glaubt, Kultur entstehe einfach so. Man glaubt, ein gutes Miteinander sei eine Art Charakterfrage — entweder ein Team passt gut zusammen oder eben nicht. Aber so funktioniert das nicht. Unternehmenskultur ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht durch Strukturen, durch Klarheit, durch Aufmerksamkeit und durch Menschen, die sich kümmern. Durch jemanden, der hinhört. Der merkt, wenn etwas kippt. Der den Rahmen hält, in dem Zusammenarbeit überhaupt möglich wird. Das ist Care-Arbeit — und sie ist eine kulturelle Grundlage, keine Zusatzaufgabe.
Warum Care-Arbeit und Mental Load im Unternehmen Markenthemen sind
An diesem Punkt wird aus einem Unternehmensthema ein Markenthema. Denn Marke ist nicht nur das, was ein Unternehmen über sich behauptet. Marke entsteht im Alltag — in der Art, wie Arbeit organisiert ist, wie Verantwortung verteilt wird, ob Menschen sich in einem Unternehmen aufgehoben fühlen oder permanent das Gefühl haben, zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit noch das halbe System zusammenhalten zu müssen.
Und genau hier bekommt Branding eine sehr praktische Funktion. Wenn niemand weiss, worum es eigentlich geht, wenn die gemeinsame Basis fehlt, wenn unklar bleibt, welche Haltung ein Unternehmen verbindet — dann denkt auch niemand freiwillig weiter. Dann übernimmt niemand freiwillig Mental Load für ein grösseres Ganzes, weil dieses grössere Ganze gar nicht klar genug existiert.
Menschen fangen erst dann an, Verantwortung über ihren unmittelbaren Bereich hinaus mitzudenken, wenn sie verstehen, wofür. Und genau da braucht es Marke als Grundlage — nicht als Kampagne, sondern als geteiltes Verständnis.
Wenn eine Marke stark ist, wenn ihre Haltung klar ist, wenn Menschen wissen, worum es hier geht, dann kann Care-Arbeit im Unternehmen überhaupt erst bewusst verankert werden. Dann geht es nicht mehr darum, dass irgendwer »halt mitdenkt«, sondern darum, wie eine Organisation Verantwortung so verteilt, dass niemand daran ausbrennt. Dann wird sichtbar, welche Aufgaben permanent unter dem Radar laufen, wo Menschen überlastet sind, wo Strukturen unnötig Stress erzeugen — und wo eine andere Unternehmensarchitektur möglich wäre. Eine, die auch neurodiversen Arbeitsweisen Raum lässt. Eine, in der Menschen nicht ausbrennen, weil das System sie zermürbt, sondern sich tatsächlich einbringen können.
Von unsichtbar zu bewusst
Grössere Unternehmen haben längst Rollen geschaffen, die sich genau um solche Themen kümmern — People & Culture, interne Koordination, Office Management. Solche Rollen werden manchmal belächelt, als wären sie die weiche Seite des Unternehmens. In Wahrheit sorgen sie oft dafür, dass das Unternehmen überhaupt arbeitsfähig bleibt. In vielen KMU gibt es diese Rollen nicht — nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil das Bewusstsein dafür fehlt. Und dann bleibt all das, was trotzdem getan werden muss, an einzelnen Menschen hängen. Häufig an Frauen. Häufig an denen, die empathisch genug sind, Spannungen früh wahrzunehmen und still aufzufangen. Das ist weder fair noch nachhaltig.
Wir wissen das aus dem privaten Bereich längst. Wir wissen, dass Care-Arbeit nicht unwichtig ist, nur weil sie nicht bezahlt wird. Wir wissen, dass Familien ohne diese Arbeit nicht funktionieren würden — und unsere Gesellschaft darauf aufbaut, dass Menschen unbezahlt mitdenken, organisieren, begleiten, und auffangen.
Wie absurd ist es, im beruflichen Kontext noch immer so zu tun, als gäbe es diese unsichtbare Arbeit dort nicht? Natürlich gibt es sie. Und natürlich zahlt jedes Unternehmen einen Preis dafür, wenn es sie ignoriert.
Der entscheidende Schritt ist deshalb kein grosser Umbau. Es ist ein Perspektivwechsel: zu erkennen, dass diese Arbeit existiert, zu benennen, wer sie trägt, und zu entscheiden, wie man damit umgehen will — bewusst, strukturell, ehrlich und wertschätzend.
Fazit: Menschlichkeit beginnt Bewusstsein
Vielleicht ist genau das einer der grössten Unterschiede zwischen Unternehmen, die irgendwie funktionieren, und Marken, die wirklich tragen: Die einen hoffen, dass sich schon jemand kümmert. Die anderen haben verstanden, dass dieses Kümmern Teil ihrer Kultur ist — und gehört strukturell dazu.
Care-Arbeit und Mental Load sind keine Randthemen. Sie sind Grundbausteine dafür, dass Menschen miteinander arbeiten können, ohne auszubrennen.
Und Marken, die in Zukunft relevant bleiben wollen, müssen lernen, auch diese unsichtbare Arbeit zu sehen — nicht als Sonderleistung einzelner, sondern als Teil dessen, was eine menschliche, zukunftsfähige Unternehmenskultur ausmacht.
Fragen, die sich lohnen
Was ist der Unterschied zwischen Care-Arbeit und Mental Load?
Care-Arbeit bezeichnet die praktischen Aufgaben des Kümmerns — koordinieren, organisieren, auffangen, Strukturen halten. Mental Load ist die kognitive Dimension davon: das permanente Mitdenken, Vorausplanen und Verantwortungtragen im Kopf, das nie wirklich aufhört.
Warum ist das ein Thema für Marken und nicht nur für HR?
Weil Marke nicht durch Kommunikation entsteht, sondern durch das, was Menschen täglich erleben. Wie Verantwortung verteilt ist, ob jemand aufgefangen wird, ob ein Unternehmen funktioniert oder nur irgendwie läuft — all das prägt, was eine Marke wirklich ist.
Was können KMU konkret tun, wenn sie keine People & Culture-Rolle haben?
Der erste Schritt ist Sichtbarkeit: Bei Angestellten zuhören, nachfragen und benennen, welche Aufgaben regelmässig unter dem Radar laufen und wer sie trägt. Daraus entsteht eine ehrlichere Grundlage, um Verantwortung neu zu verteilen — und damit wird aus einer unsichtbaren Belastung eine bewusste Entscheidung.
Warum braucht es dafür eine klare Marke als Basis?
Menschen übernehmen freiwillig Verantwortung über ihren eigenen Bereich hinaus, wenn sie verstehen, wofür. Eine klare Marke schafft dieses gemeinsame Verständnis — und damit erst die Grundlage, auf der Care-Arbeit bewusst verteilt wird, statt zufällig hängenzubleiben.
Der nächste Schritt
Wenn du merkst, dass in deinem Unternehmen unsichtbare Aufgaben an einzelnen Menschen hängen und du Klarheit darüber gewinnen willst, wie sich das verändern lässt, kann ein Marken-Workshop ein guter Ausgangspunkt sein.
Lust auf mehr?
Den Gedanken aus diesem Beitrag habe ich auch bei MACH MAL MARKE im Branding-Podcast zum Thema gemacht. Wie Vinzenz Gubser darauf reagiert hat und warum mir das Thema so am Herzen liegt, könnt ihr in Folge 98 nachhören: »Mental-Load im Büro: Die unsichtbare Arbeit, die deinen Laden am Laufen hält (Brand Fathers)«



